Das Erfolgsmodell: Wissensdistanz & Drei-Schichten-Modell

Geschrieben von Alexander Seidmann

Zuletzt aktualisiert Vor 3 Monaten

Bevor Sie das erste Dokument hochladen oder den ersten Avatar bauen, sollten Sie zwei Konzepte verinnerlichen. Sie sind das gedankliche Fundament des gesamten Kurses und erklären, warum manche Einführungen fantastisch laufen und andere im „es kommt darauf an" versanden.

Konzept 1: Wissensdistanz

Die wichtigste Kennzahl für die Qualität einer Wissensbasis ist die Wissensdistanz: Wie viele Ableitungsschritte liegen zwischen der Frage des Nutzers und dem Dokument, das sie beantwortet?

Faustregel: Die KI ist immer nur so gut wie das beste Dokument zur jeweiligen Frage. Das Ziel jeder Einführung ist deshalb nicht, möglichst viele Dokumente hochzuladen, sondern für die häufigsten und wichtigsten Fragen die Wissensdistanz auf 0–1 zu senken.

Wichtig: Es geht nicht darum, generische Quellen (wie z.B. SGBs) zu entfernen. Sie bleiben als Absicherung und Zitiergrundlage erhalten. Es geht darum, eine antwortfähige Ebene zusätzlich zu schaffen.

Distanz-Beispiele

  • 0 Schritte — Frage: „Übernimmt die Kasse Hörgerätebatterien für Erwachsene?" — Dokument: Leistungstabelle Hilfsmittel mit Zeile „Hörgerätebatterien, Erwachsene: nein, außer bei …" — Präzise, zitierfähige Antwort

  • 1–2 Schritte — Gleiche Frage, aber nur eine interne Prozessrichtlinie Hilfsmittel vorhanden, aus der die Antwort kombiniert werden muss — Meist korrekt, manchmal unvollständig

  • 3+ Schritte — Gleiche Frage, nur § 33 SGB V + Hilfsmittelverzeichnis als Rohtext — Vage, fehleranfällig, „es kommt darauf an"

Konzept 2: Das Drei-Schichten-Modell

Eine erfolgreiche Wissensbasis ist in drei Schichten aufgebaut. Jede Schicht hat eine eigene Aufgabe:

Schicht 1 — Primärquellen (Fundament)

Gesetzestexte (SGB), Richtlinien des G-BA, Rahmenverträge, GKV-SV-Rundschreiben. Werden teilweise durch MITTIQ bereitgestellt. Sie dienen als rechtliche Absicherung und Zitiergrundlage und fangen seltene Fragen ab. Sie beantworten konkrete Anwenderfragen selten direkt – und das ist in Ordnung.

Schicht 2 — Hausregeln (Interpretation)

Interne Prozessrichtlinien, Arbeitsanweisungen, Ermessensleitlinien, Selektivverträge Ihrer Kasse. Hier steht, wie genau diese Kasse die Primärquellen auslegt und in der Praxis umsetzt.

Schicht 3 — Antwortschicht (Anwendung)

Explizit für die KI aufbereitete Dokumente: Entscheidungstabellen, Wenn-Dann-Regeln, FAQ aus echten Anfragen, Leistungskataloge mit Voraussetzungen. Diese Schicht wird aus Ihren Golden Questions abgeleitet und schließt die Lücke zwischen generischer Datengrundlage und konkreter Frage.

Die zentrale Diagnose-Heuristik

Merken Sie sich diesen einen Satz – er begleitet Sie durch den ganzen Kurs:

Wenn eine Antwort der KI unbefriedigend ist, lautet die Diagnose fast immer: Für diese Frage fehlt ein Dokument in Schicht 3 oder ein Dokument in Schicht 3 ist unpräzise/fehlerhaft.

Warum das die Praxis verändert: Statt von den aktuellen Fähigkeiten eines Sprachmodells abhängig zu sein, haben Sie bei nicht zufriedenstellenden Antworten eine konkrete Handlungsmöglichkeit – das Hinzufügen oder Verbessern eines Dokumentes in der Datengrundlage. Aus jedem Problem wird eine machbare Aufgabe.

SGB-Texte beantworten „was ist geregelt" – Sachbearbeiter fragen „was tue ich jetzt"

Das ist der Kern des Abstraktionsproblems. Ein Gesetzestext sagt, was geregelt ist. Ihre Mitarbeitenden fragen, was sie jetzt konkret tun sollen. Die Antwortschicht (Schicht 3) übersetzt das eine in das andere – und reduziert die Wissensdistanz auf null Ableitungsschritte.

Mit diesem Modell im Kopf sind Sie bereit für Modul 1.